Donnerstag, 28. Dezember 2006

Auf den Spuren des Yorkshire-Rippers

"1974": Ein realitätsnaher Thriller von David Peace, ausgezeichnet mit dem Krimipreis 2006 Von Richard Lifka


WIESBADEN Eine grausame Mordserie endet am 24. Dezember in der "Höhle des Weihnachtsmanns". Der englische Gerichtsreporter Edward Dunford entdeckt die Mörder von vier Mädchen, umgeben von blutigen Fetischen ihrer Fantasien. Angefangen hat die Geschichte mit der Auffindung der zehnjährigen Clare in einer Baugrube, aufgeschlitzt und mit am Rücken angenähten abgehackten Schwanenflügeln. Dunford recherchiert und landet in einem Strudel von brutaler Gewalt und Korruption. Er erhält widersprüchliche Informationen und erkennt dennoch die Zusammenhänge, um sich dann in einem Netz aus Intrigen zu verfangen, worin es hauptsächlich um Rache geht. Ein fast undurchdringliches Geflecht aus Gier nach Geld, Macht und Sex verbindet alle handelnden Personen. Niemand, auch die Polizei nicht, scheint sich für die vergewaltigten und ermordeten Mädchen zu interessieren.

Niemand, außer Edward Dunford. Er wird auf falsche Spuren geschickt und zusammengeschlagen, dennoch verfolgt er hartnäckig den Mörder.

Das klingt zunächst nach einem weiteren Serienmörder-Thriller, ein Genre, das seit einigen Jahren besonders in amerikanischen Krimis und Filmen Hochkonjunktur hat. Aber David Peace ist dem Roman "1974", der mit dem Deutschen Krimipreis 2006 ausgezeichnet wurde, ein atmosphärisch dichtes, hartes und sehr realitätsnahes Buch gelungen.

Edward Dunford, der Ich-Erzähler, ist kein strahlender Held, eher unsympathisch, ein unsicherer junger Mann, der sich hart gesotten (hardboiled!) gibt und sich fast bis zur Selbstaufgabe erniedrigen lässt.

Dieser Held macht wütend, könnte dazu verleiten, das Buch wegzulegen, wäre da nicht diese schnörkellose, launische Sprache des Autors Peace` mit den auf das Wesentliche reduzierten Sätzen, die den Leser dann doch wieder in einem rasanten Tempo durch die Geschichte peitschen und ein Aufhören unmöglich macht. Gleichzeitig schafft es der Autor, neben der brutalen und spannenden Geschichte, ein schonungsloses Bild einer skrupellosen, moralisch verfaulten Gesellschaft der siebziger Jahre zu zeichnen.

"Nineteen Seventy Four" (1999), so der Originaltitel, ist das erste Buch des "Red Riding Quartetts" ("Nineteen Seventy Seven", "Nineteen Eighty", und "Nineteen Eighty Three", zwischen 2000 und 2002 erschienen). Vier Romane, die sich alle um den Serienmörder Peter William Sutcliffe drehen, der als der "Ripper" in Peaces Heimat West Yorkshire zwischen 1975 und 1980 mindesten dreizehn Frauen ermordete. Die von den Massenmedien ausgeschlachteten Verbrechen und das damit gezeichnete Bild des Killers hatten den damals achtjährigen Peace stark beschäftigt. So stark, dass ihn das Thema nicht mehr losließ, ganz abgesehen davon, dass er zeitweise seinen Vater für den Mörder hielt und immer Angst um seine Mutter hatte, sie könne das nächste Opfer werden.

Da nicht nur das Thriller-Genre Konjunktur hat, sondern auch Hörspiel und Hörbuch zu neuer Beliebtheit gelangt sind, ist folgerichtig "1974" in diesen Tagen als Hörbuch erschienen. Auf acht CDs liest der Sänger und Schauspieler Michael Hansonis 480 Minuten lang eine gekürzte Hörbuchfassung des Romans und schafft es eindrucksvoll, die Zeit in Yorkshire 1974 lebendig werden zu lassen.

David Peace: "1974". Liebeskind Verlag. 383 Seiten. gebunden 22 Euro; broschiert 8,95 Euro. Hörbuchfassung gesprochen von Michael Hansonis. 8 CDs ca. Megaeins Verlag. 540 Minuten, 24,95 Euro.



Auf den Spuren des Yorkshire-Rippers

"1974": Ein realitätsnaher Thriller von David Peace, ausgezeichnet mit dem Krimipreis 2006 Von Richard Lifka

WIESBADEN Eine grausame Mordserie endet am 24. Dezember in der "Höhle des Weihnachtsmanns". Der englische Gerichtsreporter Edward Dunford entdeckt die Mörder von vier Mädchen, umgeben von blutigen Fetischen ihrer Fantasien. Angefangen hat die Geschichte mit der Auffindung der zehnjährigen Clare in einer Baugrube, aufgeschlitzt und mit am Rücken angenähten abgehackten Schwanenflügeln. Dunford recherchiert und landet in einem Strudel von brutaler Gewalt und Korruption. Er erhält widersprüchliche Informationen und erkennt dennoch die Zusammenhänge, um sich dann in einem Netz aus Intrigen zu verfangen, worin es hauptsächlich um Rache geht. Ein fast undurchdringliches Geflecht aus Gier nach Geld, Macht und Sex verbindet alle handelnden Personen. Niemand, auch die Polizei nicht, scheint sich für die vergewaltigten und ermordeten Mädchen zu interessieren.
Niemand, außer Edward Dunford. Er wird auf falsche Spuren geschickt und zusammengeschlagen, dennoch verfolgt er hartnäckig den Mörder.
Das klingt zunächst nach einem weiteren Serienmörder-Thriller, ein Genre, das seit einigen Jahren besonders in amerikanischen Krimis und Filmen Hochkonjunktur hat. Aber David Peace ist dem Roman "1974", der mit dem Deutschen Krimipreis 2006 ausgezeichnet wurde, ein atmosphärisch dichtes, hartes und sehr realitätsnahes Buch gelungen.
Edward Dunford, der Ich-Erzähler, ist kein strahlender Held, eher unsympathisch, ein unsicherer junger Mann, der sich hart gesotten (hardboiled!) gibt und sich fast bis zur Selbstaufgabe erniedrigen lässt.
Dieser Held macht wütend, könnte dazu verleiten, das Buch wegzulegen, wäre da nicht diese schnörkellose, launische Sprache des Autors Peace` mit den auf das Wesentliche reduzierten Sätzen, die den Leser dann doch wieder in einem rasanten Tempo durch die Geschichte peitschen und ein Aufhören unmöglich macht. Gleichzeitig schafft es der Autor, neben der brutalen und spannenden Geschichte, ein schonungsloses Bild einer skrupellosen, moralisch verfaulten Gesellschaft der siebziger Jahre zu zeichnen.
"Nineteen Seventy Four" (1999), so der Originaltitel, ist das erste Buch des "Red Riding Quartetts" ("Nineteen Seventy Seven", "Nineteen Eighty", und "Nineteen Eighty Three", zwischen 2000 und 2002 erschienen). Vier Romane, die sich alle um den Serienmörder Peter William Sutcliffe drehen, der als der "Ripper" in Peaces Heimat West Yorkshire zwischen 1975 und 1980 mindesten dreizehn Frauen ermordete. Die von den Massenmedien ausgeschlachteten Verbrechen und das damit gezeichnete Bild des Killers hatten den damals achtjährigen Peace stark beschäftigt. So stark, dass ihn das Thema nicht mehr losließ, ganz abgesehen davon, dass er zeitweise seinen Vater für den Mörder hielt und immer Angst um seine Mutter hatte, sie könne das nächste Opfer werden.
Da nicht nur das Thriller-Genre Konjunktur hat, sondern auch Hörspiel und Hörbuch zu neuer Beliebtheit gelangt sind, ist folgerichtig "1974" in diesen Tagen als Hörbuch erschienen. Auf acht CDs liest der Sänger und Schauspieler Michael Hansonis 480 Minuten lang eine gekürzte Hörbuchfassung des Romans und schafft es eindrucksvoll, die Zeit in Yorkshire 1974 lebendig werden zu lassen.
David Peace: "1974". Liebeskind Verlag. 383 Seiten. gebunden 22 Euro; broschiert 8,95 Euro. Hörbuchfassung gesprochen von Michael Hansonis. 8 CDs ca. Megaeins Verlag. 540 Minuten, 24,95 Euro.

Mittwoch, 29. November 2006

Mit einem "woamen" Lemming durch Wien

Auch in Österreich werden Krimis geschrieben / Neue Romane zweier Autoren und einer Autorin

Von Richard Lifka

WIESBADEN "Auch Österreicher schreiben Krimis", diese erstaunliche Feststellung stand am 25. Juni vergangenen Jahres in den Salzburger Nachrichten. Der Autor dieses Artikels war sicherlich kein Krimifachmann. Denn solange es deutschsprachige Krimis gibt, gibt es auch österreichische Autorinnen und Autoren. Besonders in Wien leben viele gute und bekannte Krimischreiber.

Einer von ihnen ist Günther Zäuner. Dem Schriftsteller, Drehbuchautor, Journalist und Regisseur wurde 1995 die Goldene Ehrennadel der Bundeskriminalbeamten Österreichs für besondere Verdienste verliehen. Neben zahlreichen TV-Dokumentationen u.a. über die Drogenmafia, hat Zäuner Sachbücher und vier Kriminalromane veröffentlicht. Sein Serienermittler Kokoschansky begann seine Tätigkeit 2003.

Mit "Kokoschanskys Dämon" erschien diese Tage ein exzellent recherchierter Thriller, dem es an Authentizität nicht mangelt. Während eines Gottesdienstes in Wien fliegt die Kirche in die Luft und gleichzeitig wird in Niederösterreich ein Priester erstochen. Von Österreich aus greift plötzlich der Terror auf ganz Europa über. Arabische Bekennerschreiben deuten auf islamische Extremisten. Kokoschansky glaubt nicht, dass radikale Moslems die Täter sind. Immer tiefer gerät er in das Netzwerk einer Sekte und seine Gegner sitzen selbst in den obersten Etagen von Polizei, Politik und den Geheimdiensten.

Mit einer toten Frau in der Donau, in Bunny-Kostüm und teurem Mantel, gefoltert und ohne Identität, beginnt der dritte Krimi der in Wien lebenden Sabina Naber. Wie schon mit ihrem Debüt "Die Namensvetterin" (2003) verlässt die Autorin in "Die Debütantin" das klassische Krimigenre, vermischt Mord und Sex und endet doch nicht in einem Erotikthriller. Ein spannungsgeladener Plot und brillant gezeichnete Figuren entführen den Leser in ein Wien abseits der Kaffeehäuser, Zuckerbäcker- und Touristen-Kulissen. Die Ermittlungen führen die Kommissarin Maria Kouba in einen sehr komplexen Fall, bei dem Sabina Naber es schafft, unterschwellig und ohne erhobenen Zeigefinger das Thema Rassismus einzuflechten.

Aus Polizeidienst entlassenFür sein Krimidebüt "Der Fall des Lemming" erhielt Stefan Slupetzky 2005 den Glauser-Preis, den Krimi-Oscar der deutschsprachigen Autoren. Mit "Lemming" hat er eine sehr eigenbrötlerische und typisch wienerische Figur erschaffen. Der ehemalige Kommissar, der, nachdem sein Vorgesetzter Krotznig dafür gesorgt hatte, dass er aus dem Polizeidienst entlassen wurde, ermittelt nun als eine Art Privatdetektiv in Wien. Lemming ist nicht sein richtiger Name. Eigentlich heißt er Leopold Wallisch. Seinen Spitznamen hatte er weg, nachdem er bei einem Einsatz nicht schnell genug die Waffe zückte und Krotznig ihn vor der Mannschaft als "woamer Lemming" beschimpfte.

Im aktuellen Roman "Das Schweigen des Lemming" spielt Stefan Slupetzky fantasievoll mit einem tatsächlich geschehenen, mysteriösen Kunstraub und legt eine höchst verwickelte Krimikomödie vor, die sich der Kunst, den Besonderheiten Wiens und dem Leben an sich widmet.

Der ehemalige Musiker und Zeichenlehrer schrieb Kinder- und Jugendbücher, für die er zahlreiche Preise erhielt, bevor er mit Bühnenstücken, Kurzgeschichten und Romanen begann. Slupetzky versteht seine spannenden, skurrilen und abgründigen Bücher explizit als Wiener Krimis. Da seine Romane voller historischer Bezüge stecken und auch nicht mit Beschreibungen real existierender Orte geizen, ist es für den Krimi- und Wienliebhaber nicht nur ein besonderes Vergnügen mit dem "Lemming" die Wiener Unterwelt kennen zu lernen, sondern auch die Schauplätze abzugehen oder, wie Slupetzky empfiehlt, per Straßenbahn zu erforschen.