Mittwoch, 7. Februar 2007

Die Leser selbst leisten Ermittlungsarbeit

"Tannöd": Ein außergewöhnlicher Kriminalroman erhält den Deutschen Krimi Preis 2007 Von Richard Lifka

WIESBADEN Der deutschsprachige Kriminalroman hat sich verändert. Er ist salonfähig geworden, ist Literatur. Nicht nur Wissenschaftler haben ihn für untersuchungswürdig erkannt, auch Literaturkritiker haben eingesehen, dass sie Krimis, wollen sie einen Großteil des Lesepublikums nicht ignorieren, besprechen und bewerten müssen. Gleich, ob es sich dabei um die allseits bekannten Fernsehsendungen in Nachfolge des Literarischen Quartetts, oder auch überregionale Zeitungen handelt, immer häufiger sitzen Krimiautoren- und Autorinnen auf den schmucken Interviewsofas oder es werden deren neueste Werke besprochen. Diese veränderte Wahrnehmung hat sicherlich auch damit zu tun, dass das Krimigenre offener und vielfältiger geworden ist. Das mit dem Deutschen Krimipreis 2007 gewürdigte Buch der Autorin Andrea Maria Schenkel, "Tannöd", ist ein gutes Beispiel.
Schon die Erzählweise dieses Romans, die größtenteils aus den Erzählungen und Aussagen der Bewohner der Gegend um Tannöd besteht, und die Tatssache, dass die Handlung ohne Kommissar und Detektiv auskommt, zeigt, wie variabel das Krimigenre (geworden) ist. In "Tannöd" wird das Publikum zum Ermittler, ihm wird Bericht erstattet und es setzt selbst nach und nach die Mosaiksteine zusammen, bis sich ein Bild ergibt, das die grausamen Morde aufklärt und das Geschehene erklärt, auch wenn es unbegreiflich bleibt.
Zugrunde liegt dem Roman ein nie aufgedeckter Mordfall an einer Bauernfamilie Anfang April 1922, den die Autorin in die fünfziger Jahre verlegt. In der Scheune eines einsam gelegenen Hofs wird eine ganze Familie in einer einzigen Nacht ausgelöscht, mit einer Spitzhacke erschlagen. Um sein "Werk" zu vollenden, läuft der Mörder ins Haupthaus hinüber und tötet dort noch die Dienstmagd und einen Jungen. Da vom Mörder jede Spur fehlt, liegt es am Leser, diese aufzunehmen. Beim Entwirren des um das Verbrechen sich rankenden Beziehungsgeflechts, wechselt die Autorin geschickt die Perspektiven.
Einerseits berichten die Dorfbewohner, gleich ob Bürgermeister, Lehrer, Postbote oder Pfarrer, der Erzählerin die Ereignisse aus ihrer Sicht; andererseits gibt es Schilderungen aus der Innenperspektive, bei denen auch die Ermordeten selbst zu Wort kommen. Da durch diese Erzählweise die Personen nach und nach kennen gelernt, bei ihren alltäglichen Verrichtungen beobachtet, auf Schritt und Tritt verfolgt werden (auch der Mörder, den der Leser aber noch nicht kennt), entsteht eine unheimliche Spannung, eine Unruhe, die man nicht mehr los wird, bis das Ende erreicht und der Fall gelöst ist.
Genauso gelungen ist Andrea Maria Schenkel die Schilderung dieser ländlichen Schein-Idylle und liefert damit eine kritische Gesellschaftsstudie der fünfziger Jahre. Das bundesdeutsche Wirtschaftswunder hat diese Gegend noch nicht erreicht, in der sich ungehindert Naziverbände bilden, NS-Verbrecher gedeckt werden und falsch verstandener Glaube menschenverachtend und unchristlich wirkt. Ein ungewöhnliches Buch, ein ungewöhnlicher Krimi, spannend und mitreißend.
Andrea Maria Schenkel: "Tannöd". Edition Nautilus. Hamburg. 128 S., 12,90 Euro.