Krystyna Kuhns vierter Kriminalroman „Wintermörder“
von Richard Lifka
Alles beginnt mit der grausamen Ermordung der fünfundachtzigjährigen Patriarchin eines Firmenimperiums. An einem eiskalten Winterabend im Januar bekommt die allein lebende Henriette Winkler in ihrer feudalen Villa Besuch von einem Fremden. Der Mann zeigt ihr alte Bilder, unter anderem „… das Foto eines hübschen, fröhlich lachenden Mädchens in einem Matrosenkleid…“. Am nächsten Morgen wird sie von der Haushälterin im Garten gefunden. Ihr wurden mehrere Knochen gebrochen, in den Garten geschleift und mit Wasser übergossen. Da sie sich nicht mehr bewegen konnte, lag die alte Frau über Stunden in der Kälte, erfror langsam und jämmerlich. Kein Einbruchsmord, stellt später die Polizei fest, eher ein Mord aus abgrundtiefem Hass. Als am selben Tag dann noch Frederik, der Urenkel der Ermordeten, entführt wird ist der leitenden Staatsanwältin Myriam Singer sofort klar, dass die beiden Verbrechen zusammenhängen. Eine schwierige Aufgabe erwartet sie, da sie nicht nur in zwei Fällen, die in keine der herkömmlichen Schemata passen, gleichzeitig ermitteln muss, sondern auch, weil sie mit der Mutter Frederiks, Denise Winkler, eine jahrelange Freundschaft verbindet. So ungewöhnlich der Mord an sich schon war, so rätselhaft gestaltet sich die Entführung. Es gibt keine Lösegeldforderungen, der Entführer kommuniziert lediglich mit dem abgehalfterten Sensationsjournalisten Udo Jost, der wiederum eigene Ziele verfolgt. Was bleibt ist ein Foto, das Henriettes verstorbener Mann zusammen mit einer berüchtigten Nazigröße zeigt. Das Tatmotiv scheint tief in der Vergangenheit zu liegen und die Spuren führen nach Krakau.
In sieben Kapiteln erzählt die hessische Krimiautorin Krystyna Kuhn in „Wintermörder“, ihrem vierten Kriminalroman, die Vorfälle rund um die Familie eines in Frankfurt ansässigen Unternehmens und gleichzeitig die Geschichte der ermittelnden Staatsanwältin Myriam Singer. Jedem Kapitel, das das jeweilige Geschehen eines Tages schildert, sind Tagebucheintragungen des polnischen Mädchens Zofia vorangestellt. Die Ereignisse passieren über sechzig Jahre nach den Tagebucheintragungen in Frankfurt und Krakau, und bringen nicht nur zwei Morde und eine Entführung mit sich, sondern zerstören auch die bis dahin erfolgreich aufrecht erhaltene „glückliche Familien“-Fassade der Winklers. „Ich bin dreizehn und es ist Krieg.“ So endet Zofias erster Eintrag vom 31. Dezember 1941 zum Beginn des Romans, der letzte datiert vom Oktober 1945.
„Wintermörder“, hat es in sich. Der Roman beindruckt nicht nur durch die ungewöhnlichen Verbrechen oder die raffiniert und spannend aufgebaute Handlungs- und Erzählstruktur. Einfühlsam werden die Konflikte der Protagonistin Myriam Singer geschildert, deren privates Leben genauso wie ihre berufliche Karriere durcheinandergewirbelt wird. Zudem gelingt es Krystyna Kuhn, sensibel und dennoch eindrucksvoll darzustellen, dass Verbrechen der Nazizeit, noch lange nicht vergessen sind und auch die Urenkel dieser Generation, für diese Schuld büßen müssen. „Nein, kein Licht am Ende des Tunnels. Eher ein Loch.“
Krystyna Kuhn: "Wintermörder". Wilhelm Goldmann Verlag, München 2007. 416 S. 8,95 Euro